Russell, Calvin  

US-amerikanischer (Country-) Rocksänger und Songwriter,
geb.: 01.11.1948 Austin, Texas

Ein zerfurchtes, verlebt wirkendes Gesicht, eine hagere, schmaechtige Figur und das irgendwie passende "outfit" - ein zu klein geratener Schlapphut, Proll-Klamotten und Schlangenleder-Stiefel: Wenn man Calvin Russell erstmals gegenübertritt, glaubt man bestenfalls einen heruntergekommenen Straßensänger vor sich zu haben. Doch hinter der "Loser"-Fassade verbirgt sich ein zwar "spätberufenes", aber ungemein potentes Songwriter-Talent mit einer rauhen, kehligen, ausdrucksstarken Stimme.

Geboren wurde Calvin Russell am 1. November (in der Halloween-Nacht, wie er gerne hinzufügt) 1948 in Austin, Texas. Seine Eltern arbeiteten dort im 'Sho Nuff Cafe': Vater Red als Koch, Mutter Daisy als Kellnerin. Calvin wuchs als sechstes von neun Kindern in sehr bescheidenen Verhältnissen auf. Als 12jähriger lernte er Gitarre, und schon ein Jahr später gehörte er als Rhythmus-Gitarrist einer Band namens CAVEMEN an. Rock'n'Roll war sein Ding, mit Country & Western, der Musik seiner Eltern, konnte er lange nicht viel anfangen. Mit der Schule hatte er auch wenig am Hut, statt dessen geriet er aus Gründen, über die er ungern spricht, auf die schiefe Bahn. Calvin landete schließlich in einer Erziehungsanstalt und nicht viel später auch erstmals im Gefängnis. Wieder freigekommen, trieb er sich in Texas, am Rio Grande - also entlang der mexikanischen Grenze - herum, ohne festen Job, lebte von der Hand in den Mund. Wenn man seinen Erzählungen Glauben schenken darf, vagabundierte Russell jahrelang ziel- und planlos durch die USA.

Im harten Winter 1985 wurde er in der mexikanischen Grenzstadt Nuevo Laredo dann mal wieder eingebuchtet. Offenbar schien er von diesem Leben dann doch die Nase vollzuhaben und kehrte in seine Heimatstadt Austin zurueck. In San Francisco hatte Russell den Singer-Songwriter Frenchy Ford kennengelernt, dem er den Anstoß zum Liederschreiben verdankt. Dies versuchte er nun in Austin umzusetzen. Russell tingelte durch die Clubs der texanischen Musikmetropole und der Umgebung, dem sog. "Hill Country". Angesichts der starken Konkurrenz - Townes Van Zandt, Butch Hancock, Joe Ely, Jimmie Dale Gilmore, Willie Nelson seien hier stellvertretend genannt - fiel es ihm nicht leicht, sich durchzusetzen. Namenlose Singer-Songwriter wie ihn gab es in Austin Dutzende. Er formierte deshalb eine Band namens THE CHARACTERS, der noch J. D. Steagall (g, pi, voc) sowie die Waddel-Brueder Leland (dr) und David (b) angehoerten. Ihr Debutwerk "Act 1", stark angelehnt an frühen ZZ TOP-Texas-Rock, brachten sie 1988 beim Hamburger 'Line'-Label unter, allerdings ohne nennenswerte Resonanz bewirken zu können.

Eines Abends, irgendwann 1989, tauchte während eines Auftrittes in einem Club in Austin zufällig Patrick Mathe, Chef des rührigen französischen Indie-Labels 'New Rose', auf. Und der war von der Vorstellung Russells hellauf begeistert. Mathe engagierte den verdutzten, damals immerhin schon 40 Jahre alten Sänger vom Fleck weg, und bereits im Frühjahr 1990 lag das offizielle Debutalbum "A Crack In Time" vor. Es enthält elf mehr oder minder starke Songs mit einem Rock & Blues-Touch, wie man ihn z. B. von John Hiatt kennt. Die meisten verarbeiten bereits einschlägige Lebenserfahrungen: "My Way", "This Is My Life" oder auch die mit einer Steel-Guitar stimmungsvoll unterlegte Ballade "North Austin Slim". Im Sommer 1990 absolvierte Russell seine erste Europatournee sowie Festivalauftritte mit den KINKS und LITTLE VILLAGE.'

Ende 1991 erschien das zweite Album "Sounds From The 4th World", und es sollte Russell in Frankreich den Durchbruch bescheren. Sein Label hatte dort gute Arbeit geleistet nicht von ungefähr avancierte z. B. die Singleauskopplung "Crossroads" zu einem Airplay-Hit in den französischen Radios. "Sounds From The 4th World" ist wiederum autobiographisch ausgerichtet, aber noch intimer, auch melancholischer, bisweilen sogar resignativ - beste Beispiele sind "Maybe Someday" und "Crossroads". Gleichwohl wirkt die Musik etwas aggressiver.

Einen gewissen Stimmungswechsel dokumentiert Russells drittes Opus "Soldier". Es klingt optimistischer und kämpferischer, Songs wie "This Is Your World" oder "Soldier" appellieren an die eigenen Kräfte, an den Willen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Musikalisch orientiert sich Russell weiterhin an Country-Rock und Rock'n'Roll, aber dezente Folkeinflüsse sind nicht zu überhören. Im Frühjahr 1993 stellte er mit seiner dreiköpfigen Begleitband "Soldier" (sein erstes offiziell in Deutschland erschienenes Album) auch hierzulande vor. Allein 178 Konzerte gab Russell während seiner Europatourneen 1993 vornehmlich aus vier in Frankreich mitgeschnittenen Auftritten wurde das Live-Album "Le voyageur" zusammengestellt.

Russell zog sich dann für eine Weile aus der Öffentlichkeit zurück, und erst im Herbst 1994 ging er wieder für die nächste LP ins Studio. In dem exzellenten (Slide-) Gitarristen Jon Dee Graham, der u. a. bereits bei der legendären Punkband TRUE BELIEVERS auf sich aufmerksam machte, hatte er einen kongenialen Partner gefunden. So fanden auch drei gemeinsam verfaßte Songs ihren Weg auf das neue Album "Dream Of The Dog".

Daß dieses rockiger als alle Vorgänger klingt, ist gewiß dem Einfluß Grahams zu verdanken. Es zeigt eindeutig in Richtung "straighter Texas-Rock", wenngleich Folk- und Country-Rock-Elemente - wie z. B. in "I Gave My Soul To You" - immer noch vorhanden sind. Russells rauchige Stimme verleiht den kantigen, aber durchaus eingängigen Songs das gewisse Etwas, die exquisiten Sidemen - neben Gitarrist Jon Dee Graham sei noch Gast-Keyboarder Ian McLagan (Ex-FACES) herausgehoben - geben den nötigen Dampf (auch bei der Interpretation des ANIMALS-Klassikers "It's My Life"). Die Songinhalte spiegeln natürlich Geschichten aus seinem Leben und daraus gezogene Erkenntnisse für seine persönliche Lebensphilosophie wider. Allein die ersten Zeilen aus der Rockballade "Trouble" bringen Russells Biographie auf einen kurzen Nenner: "I was born in this world of trouble/trouble was my first name/I used to trink 'til I was seeing double/lately I've been changing my way". Das Cover des im März 1995 erschienenen Albums gestaltete Russell übrigens selbst, als Vorlage diente ihm die hübsche Wolldecke seiner indianischen Urgroßmutter.

Nach seiner grandiosen Europatournee im Frühjahr 1995 mit einer phantastischen, neuformierten backing group (neben Jon Dee Graham noch Ex-GIANT SAND-Bassist Scott Garber und Ex-GREEN ON RED/SILOS-Drummer Daren Hess - beide waren übrigens auch ehemalige Mitglieder der RONNIE LANE BAND) eröffnete sich dem "outlaw par excellence" endlich auch in Deutschland ein größeres Publikum. In Frankreich ist er ja längst ein Star, während er in seiner amerikanischen Heimat (Texas ausgenommen) immer noch als Geheimtip gilt. Noch während 1995er-Europatournee kündigte R. ein neues Album an, das er mit seiner Tourband einspielen wolle. Doch dazu kam es, aus welchen Gründen auch immer, nicht. R. kehrte statt dessen zu seinem "alten" Produzenten Jim Dickinson zurück, der ihm einen, die Inspiration fördernden Standortwechsel verordnete. Also begab man sich nicht wieder in ein typisch texanisches Studio, sondern zog nach Memphis, Tennessee. Dickinson formierte dort eine Sessionmusikercrew (darunter Chuck Prophet/g), die R. völlig unbekannt war. Trotz alledem zündete der Funke, und innerhalb von nur zwei Tagen waren R.s Songs im Kasten. Im März 1997 erschien dann das schlicht "Calvin Russell" betitelte Album, und der Hörer dürfte verblüfft gewesen sein ob der wenigen Veränderungen in Stil und Sound. Im Prinzip hätte dies auch R.s vorherige Truppe einspielen können: Seine Songs begeistern wie eh und je, sind eben oft stark autobiographisch (z. B. "My Love Is So") neue Akzente setzen aber eigentlich nur die ungewöhnlich souligen Chorstimmen (erinnern bisweilen etwas an Joe Cockers "chicks") und Luther Dickinsons Mandolinenspiel (z. B. in der Countryrockversion von STEPPENWOLFs "Desperation"). Die meisten Songs schrieb R. ansonsten selbst, von zwei weiteren Coverversionen - B. Foleys "Lovin' You" und Townes Van Zandts "Mr. Mudd And Mr. Gold" - abgesehen. Im April 1997 tourte R. wieder durch deutsche Lande.

(Munzinger-Archiv/Pop-Archiv International 05/97)

 

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