DER DURCH DIE HÖLLE GING -

DER OUTLAW CALVIN RUSSELL

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Natuerlich könne er sich noch an sein erstes Konzert in Europa erinnern, erzählt der heute 46jährige texanische Sänger, Gitarrist und Songschreiber Calvin Russell; es war in Ostberlin, am 24. Oktober 1991. Nicht einmal ein Dutzend Leute hörten ihm nachmittags im unwirtlichen Kulturhaus im Ernst-Thälmann-Park zu, wo die "Berlin Independent Days" der kleinen, unabhängigen Schallplattenfirmen über die Bühne gingen. Doch schon abends waren es im Westberliner Szenelokal "Quasimodo" fast 300 Besucher. Via Mundpropaganda hatte es sich in letzter Minute herumgesprochen, daß es sich lohne, jenem einsamen Wolf zuzuhören, der dort mit versteinertem Gesicht unter einem zerschlissenen Stetson tief gebeugt über seine Gitarre triste Balladen und melancholische Rocksongs über ein verpfuschtes Leben und die Kehrseite des amerikanischen Traums singe: "Heute fühlte ich mich ganz danach, aufzugeben, ich sah keinen guten Grund mehr, diesen Weg weiter zu gehen", heißt es in "Maybe Someday". dem wohl typischsten Russell-Song jener Zeit auf seiner zweiten CD, "Sounds from the Fourth World", die kurz vor Beginn des Berliner Unabhängigen-Treffens erschienen war.

Knapp sechs Wochen später im Winterthurer "Albani" ein ganz anderes Bild: kein Stehplatz am Eingang bleibt frei, das Haus ist ausverkauft. Schneller als in der Spree-Metropole hatte sich im musikalisch trendbewußten Provinzstädtchen an der Eulach die Nachricht verbreitet, welch außergewöhnliches Talent Russell ist und welche Geschichte sich hinter der Maske seiner Undurchdringlichkeit verbirgt.

Noch bevor man im texanischen Musikzentrum Austin Anfang der siebziger Jahre von einer progressiven Country-Rock-Bewegung sprach, war er auf den Pfaden der geheimnisumwitterten Outlaws gewandelt, die sich von den verlogen-sentimentalen Klängen in der "Music City, USA", Nashville, absetzten und einen ehrlich-härteren Sound mit realitätsbezogenen Texten propagierten. Ein unsteter Lebenswandel, Konsequenz einer schwierigen Kindheit, brachte Russell jedoch schon bald auf die schiefe Bahn, und statt im Rampenlicht und "on the road" fand sich der große Jack-Kerouac-Verehrer wegen Diebstahls und Drogendelikten hinter schwedischen Gardinen wieder. Erst Jahre später, 1988, wurde er vom französischen Austin-Fan Patrick Mathe wiederentdeckt und zu einem Comeback ermuntert: Das beeindruckende Spätwerk "A Crack In Time" lotete einfühlsam die Tiefen seines bewegten Lebens aus. Überhaupt fand der Antiheld rasch Anklang in der Schweizer Musikszene: Regelmäßige Auftritte im Bieler Gaskessel oder in der Roten Fabrik in Zürich machten ihn zur Kultfigur. Seine Fangemeinde wuchs und wuchs und erreichte am Paleo-Festival Nyon 1992 ihren bisher zahlenmäßig größten Ausdruck. Fast 15 000 Besucher begeisterten sich dort an seinem "schweren Rock Marke Steppenwolf". Danach wurde Russell sogar der Werbung genehm und dank einem während der Fußball-WM 1994 eingesetzten TV-Spot, in dem er seinen bisher wohl schönsten Song, "Crossroads", sang, einem breiten Publikum vertraut.

Daß Russell bei uns so bekannt werden konnte, während er in Austin bis auf den heutigen Tag, wie er sagt, "ein Ausgestoßener" blieb, hatte er nicht zuletzt auch seiner in Zürich ansäßigen kleinen Schweizer Vertriebsfirma, Disctrade, zu verdanken. Beinahe unermüdlich setzte sie sich für ihren nicht immer einfachen, zu Depressionen und Alkoholexzessen neigenden Schützling ein.

Um so schmerzlicher mußte es sie nun treffen, als kurz von einer weiteren Schweizer Tournee Russells zu vernehmen war, daß er von der französischen Filiale des Sony-Konzerns europaweit mit Ausnahme Deutschlands unter Vertrag genommen wurde; seiner Zürcher Firma dankt er in den Anmerkungen zu seiner neuen CD, "Dream of the Dog", die er am Donnerstag in der Roten Fabrik vorstellt, noch einmal ausdrücklich.

Doch könne man einen solchen Wechsel gerade einem Künstler wie ihm nicht verdenken. "Ich bin durch die Hölle auf Erden gegangen, und diesen Schmerz", sagt er nach einer langen Pause und mit rauher, desillusionierter Stimme, die auch seinen Liedern den Stempel aufdrückt, "diesen Schmerz kann man auch durch einen noch so großen Erfolg nie verwinden."

(aus der NZZ, Neue Zürcher Zeitung, vom 22.03.1995)




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