Calvin Russell will auch in seiner Heimat Fuß fassen.

 

Den violetten Designerfauteuil läßt er außer Acht. In zerfetzten Bluejeans und ausgelatschten Schlangenlederstiefeln sitzt Calvin Russell, den verbeulten Stetson ins zerfurchte Gesicht gezogen, im Konferenzraum seiner Plattenfirma im Schneidersitz am Boden und raucht einen Joint.

Ein waschechter Cowboy. Russell gehört zu den Musikern, die den Wilden Westen in europäischen Köpfen befriedigen. Sein roher Countryrock machte ihn in Europa zum Star - krude, bluesige Songs um einsame Antihelden in weiter Prärie, von der lieblich heilen Welt des Mainstream-Country Welten entfernt.

Das wechselhafte Leben am Abgrund steht ihm nicht nur ins Gesicht geschrieben, es hat sich tief eingegraben. «Russell macht Musik», schrieb das Londoner Stadtmagazin «Time Out», «die deiner Mutter gefallen könnte - aber nur, wenn sie eine heroinsüchtige Hure ist und obszöne Tätowierungen am Arsch trägt.»

Das Bild vom gefallenen Engel entspricht bei Russell der Wahrheit. Seine Augen blitzen in kindlicher Rührung, wenn er vom Häuserkampf erzählt in seiner Heimatstadt Austin, Texas. Keine Frage, auf welcher Seite er stritt, als es darum ging, ein vom Abbruch bedrohtes Kulturzentrum gegen den Neubau einer Bank zu verteidigen. Keine Frage, wer den Kampf verlor. «Der Kapitalismus siegt», sagt Russell achselzuckend in lässigem Südstaatenslang, «was will man tun?»

Der Rocker Russell besingt die Kehrseite des amerikanischen Traums; sechs seiner achtundvierzig Jahre verbrachte er wegen Drogenschmuggels und anderer Delikte im Gefängnis. Die Europäer lieben solche Legenden. Auf seiner Schweizer Tournee wird der anarchische Texaner kommende Woche seine Fans in ausverkauften Sälen begeistern. Vier Alben Russells hat das französische Label New Rose seit 1990 veröffentlicht, zwei weitere der europäische Zweig von Sony Music. Mit dem jüngsten Werk landete Russell in der Schweizer Hitparade. Sein Name ist hierzulande so begehrt, daß Motorex ihn zu den Klängen seines Hits «Crossroads» in einem Kino- und TV-Spot für Motorenöl werben ließ.

Im eigenen Land aber gilt der Songpoet nichts: Er hat in den USA keinen Plattenvertrag, die Redaktoren des «Austin American Statesman» wissen nicht einmal, wie man seinen Namen schreibt.

Calvin Russell trat 1993 in Frutigen auf. Dank Americana rechnet sich der Sänger, der in der Schweiz Kultstatus geniesst, eine Chance aus: «Jetzt könnte es endlich klappen, meine Platten auch in den USA zu veröffentlichen.»

 

FACTS: Warum lieben die Schweizer Sie so?

Calvin Russell: Für Europa verkörpere ich ein Klischee des US-Südens: den Loser, den Outlaw. Den Schweizern erscheine ich wohl anders, als ich einem Texaner erscheinen würde.

Facts: Wegen unserer Trugbilder vom Wilden Westen?

Russell: Ja, die verkörpere ich halt. Und drüben in den Staaten wissen sie, daß es diesen Wilden Westen nicht gibt.

Facts: Stört es Sie nicht, als Projektionsfläche für solcherlei Sehnsüchte zu dienen?

Russell: Ich mag diese Rolle nicht besonders, aber mir bleibt keine andere Wahl. Schauen Sie mich doch an, mit meinem Gesicht und meinem zerlumpten Auftreten! Jedesmal, wenn ich in diese Fünf-Sterne-Hotels reinmarschiere, sagt man mir: «Entschuldigung, Sie sind hier wohl am falschen Ort.» Und dann ist das Bild des Gesetzlosen ja auch nicht ganz falsch, schließlich war ich mehrmals im Knast.

Facts: Neuerdings putzen Sie sich aber ziemlich heraus ...

Russell: Ich tue mein Bestes.

Facts: Deshalb ließen Sie sich für den neuen Plattenumschlag in ein süßlich rosarotes Licht tauchen?

Russell: Dieses Bild entstand in einer Grotte in der Nähe des Monument Valley. Ein unglaubliches Naturschauspiel! Ich fragte mich wirklich, wie es aussehen würde, ausgerechnet mich an einen so wunderschönen Ort zu stellen. Aber es kam doch ganz gut heraus? Ein französischer Freund machte mich darauf aufmerksam, wir Amerikaner sehen vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Wir wissen ja gar nicht, welche Naturwunder wir in den USA haben.

Facts: Dasselbe läßt sich über Ihre Karriere sagen: Ein Franzose hat Sie entdeckt, und die USA wissen noch heute nicht, was sie an Ihnen haben ...

Russell: Leider nicht. Bisher mißlang jeder meiner Versuche, in den USA Fuß zu fassen. Meine CDs werden dort nicht vertrieben. Das will ich jetzt ändern.

Russell: Unser Sound gilt in den USA eben nicht als cool. Lustig ist aber, daß junge Rockgruppen wie die Smashing Pumpkins von den Wurzeln zehren und uns Americana-Musikern große Beachtung schenken: Ihre CDs sind nicht überproduziert, wild und lyrisch, das gefällt mir.

Facts: Junge lernen von den Alten wie Ihnen - und sahnen ab. Ist das nicht frustrierend?

Russell: Doch, natürlich.

(Facts Nr. 14 vom 03.04.1997 Autor: Von Bänz Friedli, Interview: Bänz Friedli)






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