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Stromboli

ein aktiver Inselbogenvulkan

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Lavafontäne
Eruption des Stromboli

Wenn Vulkane ausbrechen, wird häufig in de Nachrichten darüber berichtet. Nur wenige Menschen wagen sich dann noch in ihre Nähe. Doch auch in Europa gibt es einen Vulkan, der schon seit der Antike ständig aktiv ist und sich dabei noch relativ gefahrlos beobachten läßt, der Vulkan Stromboli auf der gleichnamigen Insel vor der sizilianischen Küste. Stromboli ist die nördlichste der äolischen Inseln, eines 200 km langen vulkanischen Inselbogens nördlich von Sizilien. Der Name des 924 m hohen Vulkans leitet sich von "Strongyle" her, was so viel wie Kreisel bedeutet und sich auf die fast vollkommene Kegelform des Vulkans bezieht. Jedoch sind nur 1/3 des Vulkans über dem Meeresspiegel, sein Fuß liegt in über 2000 m Tiefe am Grund des Tyrrhenischen Meeres.

 Gegen Abend wollen wir uns auf den Weg machen und den Gipfel erklimmen, denn in der Dunkelheit ist das Schauspiel am eindrucksvollsten. In unseren Rucksäcken befinden sich Pullover und Jacken, denn trotz der warmen Temperaturen hier am Mittelmeer kann es an unserem Ziel in immerhin rund 900 m Höhe schon recht unangenehm kühl werden. Der Vulkan selber hat es vorgezogen, sich in Wolken zu hüllen. Bei unserer Ankunft am frühen Morgen war der Himmel noch wolkenlos. Weithin war der "Leuchtturm des Mittelmeeres", der Stromboli, zu sehen. Seine glühenden Fontänen wurden nur vom Leuchtfeuer auf Strombolicchio, einem Felsen im Meer nordöstlich des heutigen Vulkans, überstrahlt. Dieser stellt einen Schlotpfropfen dar, den letzten Überrest eines 200 000 Jahre alten Vorgängers des heutigen Stromboli. (Gillot & Keller 1993, zitiert in: Kokelaar & Romagnoli 1995).

Strombolicchio

Der Strombolicchio

 Kaum an Land, begrüßte uns ein Schild mit dem Hinweis, man solle dem Vulkan nicht ohne Begleitung eines anerkannten Führers besteigen. Und dem sollte man auch folge leisten! Vulkane sind nun einmal keine Naturkräfte, die allzu große Rücksicht auf unvorsichtige nehmen. Auch der scheinbar friedliche Stromboli ist nicht berechenbar und man sollte den Explosionen nicht zu nahe kommen.
Vom Hauptort der Insel, San Vincenzo, geht es los. Zuerst war der Weg gut ausgebaut und man kann den Blick auf den Ort und das Meer genießen. Auf dem Weg nach oben wird das Vallonazzo, ein kleines Tal, durch das bei dem großen Ausbruch 1930 ein pyroklastischer Strom raste, überquert. Ein solcher pyroklastischer Strom ist eine Mischung aus heißen Gasen mit einer Temperatur von gut 500 °C und kleinen Aschepartikeln. Dieser hatte eine Breite von gut 10 Metern und erreichte eine Geschwindigkeit von 20 Metern pro Sekunde, das entspricht 72 Stundenkilometern. Damals fanden 4 Menschen den Tod (Krafft 1984). Heute ist von dieser Katastrophe nichts mehr zu sehen, aber schon der Gedanke daran genügt, um sich die Gefährlichkeit eines Vulkans in Erinnerung zu rufen.

 Am Semaforo Labronzo wird eine erste Pause gemacht, vor uns öffnet sich die Sciara del Fuoco, die Feuerrutsche. Sie stellt eine Narbe dar, die ein Einbruch der Vulkanflanke vor 5000 Jahren an der nordwestlichen Flanke des Vulkans hinterlassen hat (Bartagnini & Landi 1996). Heute ist sie weitgehend mit den jüngeren Förderprodukten des Stromboli gefüllt. An manchen Tagen kann man von hier aus die glühenden Lavabrocken ins Meer rollen sehen.

Feuerrutsche

Die Sciara del Fuoco vom Meer aus

Unser Ziel aber ist es, die Aktivitäten des Berges aus noch größerer Nähe zu beobachten und so geht es weiter den Berg hinauf. In zahlreichen Kurven windet sich der Weg, der jetzt bestenfalls noch ein Pfad ist. In jeder Kurve werden neue und immer wieder atemberaubende Blicke auf die Sciara del Fuoco offenbart. Als der Weg schließlich kaum noch zu erkennen ist, verschwindet auch die Vegetation. Sie macht einer Mondlandschaft platz wie zu Anbeginn der Zeit.
War das klettern auf den Lavafeldern noch eine ganz passable Sache, so stellen die Aschefelder eine Prüfung für die Kondition dar. Doch hier ist der Vulkan schon recht deutlich zu hören, wenn unter dumpfem Getöse das heiße Innere der Erde an die Oberfläche bricht. Die Lavafelder hier oben gehören zum alten Vancori-Vulkan, der vor 100 000 bis 13 000 Jahren aktiv war und hauptsächlich Rhyodacite und Andesite förderte. Rhyodacite sind plagioklasreiche Rhyolite und stellen das vulkanische Äquivalent zum Granit dar. Dagegen entsprechen die Andesite den Dioriten, sie sind ärmer an SiO2 als die Rhyolite. Mit der Zeit wurden die Laven des Stromboli immer basischer, das heißt, immer ärmer an Siliziumdioxid. Damit durchläuft er eine umgekehrte Entwicklung wie die meisten anderen Vulkane.

Kraterregion

Die Kraterregion des Stromboli mit Dampf einer Explosion

 Nach einer letzten Anstrengung wird die Cima mit 918 Metern Höhe erreicht. Von hier kann man den Krater mit den Schlotöffnungen gut beobachten, der rund 200 Meter darunter liegt. Solange der Krater schweigt, verrät der warme Boden die vulkanische Natur des Ortes und wenn man sich hinsetzt, können saure Gase die Kleidung angreifen. Die Luft ist erfüllt mit dem Geruch nach Schwefel, den auch der frische Wind hier oben nicht vollständig beseitigen kann. Hier ist die wohl beste Stelle, um vergleichsweise ungefährdet die Aktivität des Stromboli zu beobachten.

 Von hier oben kann man auch die anderen 6 größeren Inseln des Äolischen Archipels sehen. Es handelt sich dabei um eine gut 200 Kilometer lange Inselkette zwischen Calabrien und Sizilien. Unter den Inseln befindet sich eine Benioff-Zone, eine Schicht von Erdbebenherden, die nach Nordwesten hin tiefer wird. Sie läßt sich bis in eine Tiefe von 500 Kilometern verfolgen. Das Ganze stellt man sich als eine Platte vor, die unter den Äolischen Inseln in nordwestlicher Richtung unter das Tyrrhenische Meer mit erst 70°, dann ab 250 Kilometern Tiefe mit 45° eintaucht (Ellam et al. 1989). Vergleichbare Inselbogenstrukturen finden sich heute im pazifischen Feuergürtel, wo sich die pazifische Platte unter die angrenzenden Krustenplatten schiebt. Da sich aber im Bereich vor den Äolischen Inseln keine ozeanische Kruste mehr befindet, scheint dieser auch Subduktion genannte Vorgang ein sehr fortgeschrittenes Stadium erreicht zu haben. Unser Inselbogen ist also langsam am absterben. Um aber die Komplexität noch etwas zu erhöhen, haben Geochemiker auch noch Hinweise auf die Mitwirkung einer Quelle für Magmen aus dem Erdmantel gefunden, wie sie für vulkanische Inseln mitten im Ozean typisch ist. Und in der näheren Umgebung findet sich ja auch der Ätna auf Sizilien mit so einer Magmenquelle (Ellam et al.1989).


Lage und Tiefe der Benioff-Zone unter den Äolischen Archipel. nach Ellam et al (1989)

Während man den Ausblick genießt, glühen rund 200 Meter unter einem drei riesige rote Augen in der Dunkelheit, die Pforten zur Hölle. Mit dumpfem Poltern wie ein nahe vorbeifahrender Intercity finden die Feuer der Erde ihren Weg durch einen der Schlote und eine glühende Fontäne erhebt sich in den Nachthimmel. Wenn der Wind die Gas- und Dampfschwaden, die ein derartiges Ereignis begleiten, auf das Meer weht, kann man das Schauspiel ungehindert beobachten. Alle 10-15 Minuten wiederholt sich das schaurig-schöne Bild. Jedesmal wird viel Gas und verhältnismäßig wenig Schlacke gefördert. Diese Art der Tätigkeit wird auch die strombolianische Aktivität genannt und ist auf vielen Vulkanen der Erde anzutreffen. Der Stromboli fördert pro Eruption nur etwa 10 bis 1000 Kilogramm Lava und Asche (Gilberti et al. 1992). Auf diese Weise ist der Stromboli nun schon seit über 2000, vielleicht sogar schon seit 5000 Jahren aktiv, ohne daß sich sein Aussehen in historischer zeit nennenswert verändert hätte. Alle paar Jahre kann es auch zu größeren Eruptionen kommen. Der größte Ausbruch dieses Jahrhunderts war der von 1930. Dabei wurden 70 000 m 3 Asche und 10 000 m 3 Lava gefördert, was der normalen Förderung während 5 Jahren entspricht.

Am Morgen des 11. September 1930 um 9.52 Uhr erfolgten zwei schwere Explosionen, Lavabrocken mit einem Gewicht von bis zu 30 Tonnen Gewicht wurden 3 Kilometer weit geschleudert und zerstörten viele Häuser. Vor der Explosion hob sich die Insel kurz um einen Meter und danach regnete es 40 Minuten glühende Schlacken vom Himmel, als die Explosionen den Schlot freigesprengt hatten. Durch das Vallonazzo-Tal stürzt sich eine Glutlawine und über die Sciara del Fuoco ergießen sich mehrere Lavaströme. Nach rund 15 Stunden beruhigte sich der Vulkan wieder.

Normalerweise sind die Ausbrüche zum Glück nicht so stark. Das Gas bahnt sich seinen Weg aus dem Schlot und reißt nur wenige Lavafetzen mit in die Luft. Doch wie kommen derartige Mengen von Gas in das Magma hinein? Im Magma können  verschiedene Gase mit unterschiedlicher Löslichkeit gelöst sein. Gase wie CO 2   und SO 2 haben nur eine geringe Löslichkeit und können bereit in einer Tiefe von 800 Metern übersättigt werden und ausperlen. Es bilden sich Gasblasen, die durch die weitere Aufnahme von Gasen oder kleineren Blasen wachsen. Ab 800 Metern kann auch Wasserdampf ausperlen, der  die Hauptkomponente an gelösten Gasen im Magma darstellt. Bevor die Gasblasen die Oberfläche der Magmasäule im Schlot erreichen, wachsen sie sehr schnell. Der Druck, mit dem auf Stromboli die Explosionen aus dem Schlot fegen, entspricht einer Blasengröße von 0,5 bis 4 Metern, die das Magma zerreißen. Auf Heimaey, Island, wurden sogar Gasblasen mit einem Durchmesser von 10 Metern beobachtet (Blackburn et al.1976). Jede Explosion stellt also das Zerplatzen von großen Gasblasen dar. Stromboli funktioniert genauso wie die Sektdusche bei Formel-1 Rennen, wo die Druckentlastung beim Öffnen der Flasche Kohlensäure ausperlen läßt und der Gasdruck den Sekt aus der Flasche treibt. Nur sollte man sich hier besser nicht anspritzen lassen, hier bleibt man besser in sicherer Entfernung.

Während ständig große Blasen durch den mit glühendem Magma gefüllten Schlot von Stromboli steigen, zerplatzen und glühende Fontänen aus zerfetzter Lava die Nacht erhellen, macht sich langsam der kühle und kräftige Wind bemerkbar. Die warmen Pullover wurden nicht umsonst hier heraufgeschleppt. Im Licht der Taschenlampen offenbart sich eine weitere Schönheit der Natur. Der Boden der Cima ist über und über mit schönen Kristallen des Minerals Amphibol übersät, manche als wunderschöne Zwillinge. Sie werden gerne als Souvenir mit zu Tal genommen. Auf dem Weg hinunter kommt man durch die Aschenfelder vom Rina Grande. Eine Landschaft aus feinem Staub enthüllt sich nur schwach im Licht der Taschenlampen und nur die gewohnten Schwerkraftverhältnisse machen einem klar, daß man sich  hier auf der Erde und nicht auf dem Mond befindet. Der Staub durchdringt alles und macht das atmen schwer. Erst als man wieder in den Bereich der Vegetation kommt, wird es wieder leichter. Bald hüllen einen dichte Schilfwälder ein. Hier liegt auch das vulkanologische Observatorium, mit dem der Vulkan ständig überwacht wird. Der Weg endet im Ort oberhalb der Kirche von San Vincenzo, müde und von dem Erlebten überwältigt seht sich jeder nur danach, die Füße ausruhen zu können.
 

Literatur

BERTAGNINI, A., LANDI, P. (1996) : The Secche di Lazzaro pyroclastics of Stromboli volcano: a phreatomagmatic eruption related to the Sciara del Fuoco sector collapse. Bull. Volcanol. 58 (1996) pp. 239-245.
 

BLACKBURN, E.A., WILSON, L.;SPARKS, R.S.J. (1976) : Mechanisms and dynamics of strombolian activity. J. geol. Soc. London, Vol. 132 (1976), pp. 429-440.

ELLAM, R.M., MENZIES, M.A., HAWKESWORTH, C.J., LEEMAN, W.P., ROSI, M., SERRI, G. (1988) : The tansition from the calc-alkaline to potassic orogenic magmatism in the Aeolian Islands, Southern Italy. Bull. Volcanol. 50 (1988), pp. 386-398.

ELLAM, R.M., HAWKESWORTH, C.J., MENZIES, M.A., ROGERS, N.W. (1989) : The volcanism of Southern Italy: role of subduction and the relationship between potassic and sodic alkaline magmatism. J. Geophys. Res. 94 (1989), No. B4, pp. 4589-4601.

FERRARA, G., KELLER, J., VILLARI, L. (1974) : Evolution of eolian arc volcanism (southern Tyrrhenian Sea). EPSL 21 (1974), pp.269-276.

FRANCIS, P., OPPENHEIMER, C., STEVENSON, D. (1993) : Endogenous growth of persistently active volcanoes. Nature, Vol. 366, pp. 554-557.

GILBERTI, G., JAUPART, C., SARTORIUS, G. (1992) : Staedy state operation of Stromboli volcano, Italy: constraints on the feeding sytsem. Bull. Volcanol. 54 (1992), pp. 535-541.

KOKELAAR, P., ROMAGNOLI, C. (1995) : Sector collapse, sedimentation and clast population evolution at an active island-arc volcano: Stromboli, Italy. Bull. Volcanol. 57 (1995), pp. 240-262.

KRAFFT, M. (1984) : Führer zu den Vulkanen Europas in drei Bänden. Band 3: Italien - Griechenland. pp. 98-105, Enke Verlag, Stuttgart 1984.

seit 23. April 1998

© 1998 Gunnar Ries No copying and commercial use of the pictures without my permission!
Erschienen in: Aufschluss 50, Juli/August, p. 232-236, Heidelberg 1999.


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