Wie kommt man auf die Vermutung, das sich dort etwas aussergewoehnliches
abgespielt haben koennte?
Natuerliches Uranerz enthaelt hauptsaechlich zwei verschiedene Uranisotope,
99,27 % U-238 und 0,72 % U-235 neben kleinen Mengen U 234 (0,0054 %). Das selbe
Verhaeltnis der Isotope findet man fuer gewoehnlich in allen Uranvorkommen, ob
auf der Erde, dem Mond oder in Meteoriten. Alle diese Isotope zerfallen, wenn
auch mit einer unterschiedlichen Geschwindigkeit. U-238 hat eine Halbwertszeit
von 4 470 000 000 Jahren, U-235 nur eine von 704 000 000 Jahren.
Das Isotopenverhältnis des Uran im allgemeinen wird als konstant angesehen,
zumindest das legen Untersuchungen an irdischen, Mond- und Meteoritengesteinen
nahe. Beide Isotope (natuerlich auch die selteneren) sind chemisch nicht
unterscheidbar. Es ist kein chemischer Prozess in der Natur vorstellbar, der
ein Uranisotop anreichern kann. Allerdings fanden sich in der Lagerstaette
einige
Elemente bzw. deren Isotope, wie sie fuer Kernspaltung typisch sind. Und sie
finden sich nur in den an U
235
abgereicherten Zonen. (Bodu et al. 1972)
Jede Aenderung dieser Isotopenverhaeltnisse deutet also auf einen besonderen Prozess jenseits des normalen radioaktiven Zerfalls hin. Daher nahmen Bodu et al. (1972) an, das sich in den Uranlagerstaetten von Oklo eine spontane Kettenreaktion abgespielt haben koennte.
Mehr als die Haelfte der Endprodukte ist im Erzkoerper verblieben. Dazu gehoeren Lanthan, Cer, Praseodym, Europium, Samarium und Yttrium. Auch von den entstehenden Isotopen der Elemente Silber, Zirkonium, Ruthenium, Rhodium und Palladium blieb der groesste Teil im Erzkoerper. Dagegen wurden die Produkte wie Caesium, Rubidium, Strontium und Barium aus dem Erzkoerper entfernt (Cowan 1976).
Ein recht gutes Isotop fuer die Untersuchung von Kernspaltungsprozessen ist Neodym. Es kommt nicht haeufig in der Natur vor, hat also einen geringen natuerlichen Hintergrund. Es kommt in 7 stabilen Isotopen mit Massen von 142 bis 150 vor. Sechs von ihnen koennen als Spaltprodukte entstehen, nur Nd 142 nicht. Also wird der Gehalt des Gesteins an Nd 142 von etwaigen Spaltungsprozessen nicht beruehrt. Die Isotopenverhaeltnisse der uebrigen Isotope sind ebenfalls bekannt, so das der natuerliche Hintergrund berechnet werden kann. Alles Neodym darueber hinaus ist durch die abgelaufenen Kernprozesse produziert worden. Allerdings muss noch die Faehigkeit von Nd 143 und Nd 145 einbechnet werden, Neutronen einzufangen. Dabei entstehen Nd 144 bzw. Nd 146 . Die in den aktiven Zonen der Lagerstaette vorgefundenen Neodym-Isotopenmengen entsprechen denen, die in heutigen kuenstlichen Kernreaktoren vorzufinden sind (Cowan 1976).
Aehnliches zeigt sich auch bei anderen Elementen und deren Isotope. So kann bei rund jedem 6. U 235 ein Neutron eingefangen werden. Das entstehende Uran 236 hat eine Halbwertszeit von 24 Millionen Jahren und zerfaellt per Alpha-Zerfall (Helium-Kern) zu Thorium 232 . Und Thorium findet sich vorwiegend in den aktiven Zonen, wohingegen es in anderen Regionen nahezu fehlt (Cowan 1976).
Wenn nun alles auf Kernspaltungsprozesse hinweist, so bleibt immer noch ein
Problem. Unter den heutigen Isotopenverhaeltnissen, wie sie bei Uran zu finden
sind, kann eine Kettenreaktion nur unter sehr speziellen Umstaenden ablaufen.
Keine dieser Bedingungen koennten in der Natur per Zufall entstehen. Dagegen
koennte eine groessere Uranansammlung mit einfachem Wasser als Moderator schon
in Frage kommen. Allerdings wird dann ein hoeherer Prozentsatz von spaltbarem
Uran
235
benoetig. Und da U
238
und U
235
unterschiedliche Halbwertszeiten besitzen, war das Verhaeltnis in der
geologischen Vergangenheit ein anderes als heute. Da das spaltbare Isotop U
235
mit 700 Millionen Jahren Halbwertszeit schneller zerfaellt als das Uran
238
mit 4,5 Milliarden Jahren, war es frueher wesentlich haeufiger. So laesst sich
einfach berechnen, das es zum Zeitpunkt der Entstehung der Erde rund 17 % des
Urans stellte. Der minimale Gehalt an U
235
fuer den Ablauf einer
Kettenreaktion betraegt rund 1 %. Dieser Wert wurde vor rund 400 Millionen
Jahren erreicht und er stellt damit den juengsten Zeitpunkt dar, an dem
natuerliche Kernreaktoren entstanden sein koennen.
Die Sedimente der Francevillian Formation haben sich vor rund 2 Milliarden
Jahren gebildet. Zu diesem Zeitpunkt betrug die relative Haeufigkeit von U
235
ungefaehr 3 %. Daneben erreichten die Uranerzlagen in Oklo mit ihren 10 %
Urangehalt und rund einem halben Meter Maechtigkeit weitere Bedingungen, die
den spontanen Ablauf einer Kettenreaktion ermoeglichten. Bei einer geringeren
Maechtigkeit wuerden zu viele Neutronen verloren gehen. Als Moderator kommt
unter
diesen Bedingungen Wasser in Frage. Der Moderator wird benoetigt, um die
schnellen Neutronen abzubremsen. Zu schnelle Neutronen werden von U
238
absorbiert, bevor sie ein U
235
spalten koennen. Bei einem gut
Milliarden Jahre alten natuerlichen Reaktor ist ein Wassergehalt von 6 Gew%
Wasser ausreichend, ein Wert, der bei dem Sediment in Oklo durchaus realistisch
erscheint (Cowan 1976). Zur aktiven Zeit der natuerlichen Reaktoren im Gebiet
von Oklo nahm der Gehalt an spaltbarem U
235
proportional zum
Neutronenfluss ab. Ebenfalls proportional zum Neutronenfluss wandelte sich
Neodym
143
durch den Einfang eines Neutrons in Neodym
144
um. Und die heute vorgefundenen Isotopenverhaeltnisse des Neodyms wuerden auf
einen totalen Verbrauch des spaltbaren Uranisotops in Oklo hinweisen. Das ist
ein zu niedriger Wert, verglichen mit dem tatsaechlich vorgefundenen Wert. Wenn
man also den urspruenglichen Gehalt an U
235
kennt und den heutigen
Wert, so scheint die verbrauchte Menge groesser zu sein als die Differenz
zwischen den beiden Werten. Als Ursache dafuer wird eine andere Reaktion
gesehen (Cowan 1976). Uran
238
ist in der Lage, schnelle Neutronen
einzufangen. Dabei entsteht Uran
139
, das schnell durch Beta-Zerfall
(Elektron) zu Neptunium
239
zerfaellt. Nach einem weiteren Beta-Zerfall
entsteht Plutonium
239
. Dieses Plutoniumisotop zerfaellt durch Alpha-Zerfall
mit einer Halbwertszeit von 24 400 Jahren zu Uran
235
. So kann durch
den Einfang schneller Neutronen durch Uran
238
zusaetzliches,
spaltbares Uran erzeugt werden, aehnlich den kuenstlichen Brueter-Reaktoren.
Naudet (1978 a & b) hat fuer die Reaktorzonen 1-6 in Oklo berechnet, das
mehr als 800 Tonnen Uran an der Reaktion beteiligt waren und dabei rund 6
Tonnen Uran
235
verbraucht wurden. Dabei wurden rund 540 x 10
15
J an Energie freigesetzt. Der Neutronenflux soll 1,5 x 10
25
n/cm
2
betragen haben. Insgesamt soll der Reaktor rund 1 bis 8 x 10
5
Jahre
gelaufen sein.
Als Alter der Reaktoren werden von verschiedenen Autoren Werte zwischen 2100
und 1800 Millionen Jahren angegeben (Gauthier-Lafaye et al. 1989).
In Oklo liegen die Uranerze an Bruchstrukturen klastischer transgressiver
Sedimente des Alt-Palaeozoikums (Gauthier-Lafaye et al 1989). Das Uran liegt
als Pechblende (UO
2
) vor. Die Erzkoerper sind in der praekambrischen
Abfolge des Francevillian eingelagert.
Das Francevillian ist in Gabun weitverbreitet und stellt insgesamt eine bis zu
4000 Meter maechtige Serie aus klastischen und vulkano-sedimentaeren Sedimenten
des unteren Proterozoikums (2150 Ma) dar (Bonhomme et al. 1982). Weber (1968)
unterteilte das Francevillian in fuenf Einheiten, die mit FA (unteres
Francevillian) bis FE (oberes Francevillian) gekennzeichnet werden.
Das FA besteht aus Sandsteinen und Konglomeraten, wohingegen die Einheiten FB
bis FD groesstenteils aus Schwarzschiefern und Chert bestehen. Die
Uranmineralisation befindet sich ausschliesslich in der unteren Abfolge, dem
FA. Die Abfolge wird durch eine marine Transgression vom Suedosten zum
Nordwesten gekennzeichnet. Es folgen Deltaablagerungen auf fluviatile Sedimente.
Die Uranerzlagerstaetten finden sich ausschliesslich in den Delta-Sedimenten,
Am Uebergang von fluviatilem zu Delta-Milieu (Gauthier-Lafaye & Weber
1989).
Es herrschen zwei Typen von Lagerstaetten vor. Ein gewoehnliches,
niedriggradiges Erz mit nur rund 0,1 - 1 % Urangehalt und ein hochgradiges Erz
mit Urangehalten von 1 bis zu 10 %. Dabei ist das hochgradige Erz an
tektonischen Stoerungen gebunden und stellt Erzkoerper von 5 - 20 Metern laenge
und 0,3 - 2 Metern Maechtigkeit dar. Das hochgradige Erz ist hier von
besonderem Interesse, denn es stellt die Erzkoerper mit den abnormalen
Isotopenverhaeltnissen. Altersdatierungen an diesen Erzen ergeben je nach Autor
eine Alter von 2000 - 2100 Ma (Hagemann et al. 1974) bis zu 1700 Ma (Lancelot
et al. 1975).
Das gewoehnliche Erz ist mit organischem Material vergesellschaftet. Dieses
organische Material besteht aus Bitumen mit einem
Wasserstoff-Kohlenstoffverhaeltnis von weniger als 0,5 Atomprozent. In diesen
bituminoesen Partikeln liegt die Pechblende als mikroskopische (1 - 10 µm)
Einschluesse vor (Gauthier-Lafaye & Weber 1989). Das hochgradige Erz findet
sich dagegen mehr in den Bruchstellen des Sandsteins. Das Uran kommt als
Pechblende und teilweise auch als Coffinit vor und ist niemals mit organischem
Material vergesellschaftet. Dagegen kommen in diesen Bereichen auch Sulfide
vor. Die Bildung dieses Erzes wird als Oxidations - Reduktionsprozess
interpretiert, der in stark brekzioesem gewoehnlichem Erz stattgefunden hat
(Gauthier-Lafaye & Weber 1989).
Im Proterozoikum befand sich also im Bereich des heutigen Oklo ein grosses Flussdelta. Im oberen Einzugsbereich des Flusses wurden die kristallinen Gesteine des Basements erodiert. Dabei gelangten auch Schwerminerale ins Wasser, wo sie sich anreicherten. Vor rund 2 Milliarden Jahren begann sich unter dem Einfluss der Aktivitaet von Cyanobakterien der Chemismus des Wassers langsam zu aendern. Der Sauerstoffgehalt des Wassers nahm zu. Jetzt ist Uran in seiner reduzierten Form nicht wasserloeslich, wohingegen die oxidierte Form leicht geloest werden kann. Diese leicht loeslichen Uranyl-Ionen konnte der Strom in das Gebiet seines Muendungsdeltas transportieren. Dort befanden sich viele organische Stoffe, das der Sauerstoffgehalt des Wassers wieder abnahm und das Uran reduziert wurde. Ein anderes Modell der Urananreicherung im Delta schlaegt Lovelock (1991) vor. Hier sollen Algenmatten die Faehigkeit besessen haben, Uran anzureichern. Eine Vermutung, die durch die organischen Partikel in den gewoehnlichen Erzen gestaerkt wird.
Die uranhaltigen Sedimente wurden im Laufe der Zeit immer tiefer begraben. So wurde verhindert, das sich das Uran unter sauerstoffhaltigen Bedingungen wieder loesen konnte. Als sich das Uran im Bereich der hochgradigen Erze genug angereichert hatte, konnte die Kettenreaktion starten. Durch die Stoerungen konnte Wasser eindringen, welches als Moderator die schnellen Neutronen genuegend abbremste.
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© 2000
Gunnar Ries