Mitte September 1999 wurde bei Baggerarbeiten in der Elbe vor Oevelgoenne ein
grosser Findling gefunde. Mit einem geschaetzten Gewicht von 120 bis 160 Tonnen
wurde vermutet, das es sich um den bisher groessten Findling auf Hamburger
Gebiet handeln koennte. Als sich die Frage stellte, sprengen oder bergen, wurde
sich daher fuer eine Bergung ausgesprochen. Am 18. Oktober sollte es dann soweit
sein. Um 8:00 Uhr naeherte sich der Schwimmkran Tak Lift 4 der Stelle, wo
der Findling im Flussbett ruhte.
Einige Zeit spaeter gingen auch zwei Taucher ins Wasser, um die Haltegeschirre am Findling anzulegen. Dieses gestaltete sich aber problematisch, denn der am Freitag zuvor freigelegte Stein hatte sich mittlerweile durch die Stroemung wieder tiefer in das Flussbett eingegraben.
Somit hatten die Taucher inder trueben Elbe alle Haende voll zu tun, den Stein erneut freizuspuelen. Dabei hatten sie aber nur begrenzte Zeit zur Verfuegung, denn nur bei Hoch- bzw. Niedrigwasser ist keine Stroenmung in der Elbe. Bei erneut einsetzendem Tidestrom wuerden sie grosse Probleme mit der Stroemung bekommen. Daher wurden an land und auf den begleitenden Schiffen alle mit fortschreitender Zeit langsam nervoes.
Erst sehr spaet gelang es den tauchern, dem Stein das Spezialgeschirr anzulegen, so das der Kran ihn langsam aus dem Wasser heben konnte. Wie ein grauer Wal tauchte der Stein aus den Fluten auf, waehrend alles den Atem anhielt.
Aber, wie das leben so spielt: Alle Vorsicht war vergebens. Als alle schon dachten, das waere es gewesen, rutschte das Geschirr ab und der Stein verschwand wieder in der Tiefe, in der er sich so lange Zeit befunden hatte.
Am Sonnabend, den 23. Oktober 1999 wurde ein weiterer Bergungsversuch unternommen. Diemal gelang es und der Findling kann jetzt am Ufer von Oevelgoenne bewundert werden. Mit einem Gewicht von 217 Tonnen und einem Umfang von 19,70 Metern ist er der groesste Findling Hamburgs, noch weit vor dem im Maerz 1998 gefundenen Findling von Othmarschen mit "nur" 60 Tonnen. Die groessten Findlinge in Nordeutschland sind der "Buskam" vor Ruegen mit geschaetzten 1600 Tonnen, der "Grosse Stein von Altentreptow mit 360 t und der Giebichenstein bei Nienburg mit 330 t.
Wie kann ein so gewaltiger Stein in die Elbe kommen? Vergleichbares Gestein
findet sich erst weit im Norden, in Skandinavien. Und von dort ist auch unser
Findling zu uns gekommen, und zwar mit den Gletschern der Eiszeit. Das zeitalter
der Eiszeit begann vor rund 1,6 Millionen Jahren und seitdem sind mindestens
dreimal gewaltige Gletscher aus Skandinavien in die Norddeutsche Tiefebene
vorgestossen. Dabei haben aber nur zwei auch das Stadtgebiet Hamburgs
vollstaendig ueberfahren. Die dritte und letzte Eiszeit, die sogenannte
Weichsel-Eiszeit, ist nördlich vor den Toren Hamburgs stehengeblieben. Es ist
daher anzunehmen, das nur die beiden aelteren Vereisungen unseren Stein hierher
gebracht haben koennen. Aufgrund der bekanten Transportrichtungen fuer beide
Eiszeiten, die aeltere Elster- und die zweite, die Saale-Vereisung, sind es
wahrscheinlich die Gletscher der Saale-Eiszeit gewesen, die den Stein aus seiner
urspruenglichen Heimat hierher gebracht haben. Dafuer spricht auch der
Othmarschener Findling, fuer den ein Saalezeitlicher Transport als gesichert
gilt und der nicht nur in der Naehe (rund 1 km NW vom Elbfindling) geborgen
wurde, sondern auch seine skandinavische Heimat in der direkten Nachbarschaft
unseres Findlings aus der Elbe hat. Denn beide Findlinge stammen aus
Ostsmåland.
Die Transportweise laesst sich auch sehr schoen an unserem
Findling ablesen. Ein Teil seiner Aussenflaechen ist durch Eisschliff geglaettet
worden. Das kann man deutlich fuehlen, wenn man mit der Hand darueberfaehrt. Er
wurde von dem Gletscher mit Gewalt aus seiner Heimat entfuehrt, eine steile
Kante scheint eine Abbruchkante darzustellen, an der er aus seinem heimatlichen
Granitmassiv gerissen wurde.
Woran kann man eigentlich erkennen, woher der Findling stammt. Nun, viele der
Gesteine in Skandinavien sind relativ typisch fuer eine Region. Der Geologe
spricht dann von "Leitgeschiebe". Von diesen Steinen ist die Herkunftsregion gut
bekannt, und zusammen mit dem Fundort kann man dann die Richtung des Gletschers
bestimmen. Zu unserem Glueck ist auch der Oevelgoenner Findling ein derartiges
Gestein. Es ist ziemlich typisch fuer die Region von Ostsmåland. Seine
Kennzeichen sind unter anderem die groesse der ihn aufbauenden Minerale. Hier
sind sie alle ungefaehr von der gleichen Groesse. Der Geologe spricht dann von
einem gleichkoernigen Gefuege. Das Gestein hat im Durchschnitt eine graue Farbe,
einige seiner Mineralien haben jedoch eine abweichende Eigenfarbe. So sind seine
Quarze z.B. leich blaeulich gefaerbt, die Feldspaete sind manchmal leicht
gruenlich (Plagioklas) oder grau bis blass rosa (Kalifeldspat). Ausserdem zeigt
der Granit noch relativ viele dunkle Einschluesse, sogenannte Xenolithe.
Diese Granite sind typisch fuer die Gesteine des Raumes von Vaexjoe, also
die oestliche Ecke von Småland. Diese Granite haben sich im Rahmen einer
Gebirgsbildung vor rund 1800 Millionen Jahren gebildet. Besonders bemerkenswert
dabei ist, dass auch der bereits im Maerz 1998 in Othmarschen gefundene
60-Tonnen-Findling das selbe geographische Herkunftsgebiet hat. Nur mit dem
Unterschied, das er aus der roetlichen Variante des Gesteins besteht. Somit
liegen sie nicht nur jetzt nah beieinander, nur rund 1 km Luftlinie voneinander
entfernt, sie stammen auch aus der selben Gegend.
Vor rund 200 000 Jahren sind also beide Findlinge mit den Gletschern der Saale-Eiszeit aus dem Norden hierher gekommen und haben sich waehrend dessen kaum voneinander wegbewegt. Bei der Ablagerung des Oevelgoenner Findlings hat es allerdings die Elbe in ihrer heutigen Lage und Form noch nicht gegeben. Sie hat sich erst wesentlich spaeter ihren Lauf hier gesucht und dabei den grossen Findling langsam freigespuelt. Jetzt ruht er am Elbestrand als schwer zu uebersehender Zeuge fuer eine Zeit, als sich die hiesige Landschaft erst noch formte. Bei einem Elbspaziergang laesst er sich gut besichtigen. Hoffen wir, das er hier auch einen wuerdigen Ruheplatz gefunden hat.
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